Die vielen Gesichter Malaysias – Großstädte und Regenwald

Die vielen Gesichter Malaysias – Großstädte und Regenwald

Manche Flaschenpost ist länger unterwegs. Der Weg bis nach Deutschland ist weit und manchmal passiert Unvorhergesehenes. Nun aber kommt auch Post aus Malaysia

Die schwüle Hitze haben wir aus Indochina nach Malaysia mitgenommen, ansonsten war beim Aussteigen in Kuala Lumpur ziemlich vieles ziemlich anders. Vertraut war noch, dass man auch hier die Grab App benutzen kann und wir uns somit, nachdem wir uns im Flughafen wieder mit einer malaysischen SIM Karte versorgt hatten, direkt ein Taxi in die Stadt buchen konnten. Noch eine weitere Sache, fällt mir jetzt beim Schreiben auf, war gleich: Überall in Südostasien bekommt man unglaublich viel Datenvolumen für wenig Geld! (z.B. 30 GB für 6€)

Und dann wurde es anders. Bereits in Bangkok und Saigon haben wir große Hochhäuser, riesige Videowalls und Straßenverkehr in mehreren Etagen gesehen. Aber KL, wie die Malaysier sagen, topt alle. Der Flughafen liegt 40km außerhalb und man fährt fast die ganze Zeit bis ins Zentrum durch Hochhaussiedlungen. Wir sind mit dem chinesischem Neujahr angekommen, das in Malaysia ebenso ein Feiertag ist wie das Zuckerfest nach dem Ramadan. Auf unsere Sorge dass wir nichts mehr einkaufen können sagte unser Fahrer: „Don’t worry, KL is never closed!“ Einiges war zwar eingeschränkt, aber er behielt recht.

Die nächste Überraschung war unsere Ferienwohnung. Sie befand sich in einem Hochhauskomplex mit 67 Etagen. Wir haben überschlagen, dass in diesem Komplex wahrscheinlich ca. 1500 Menschen leben, genauso viele wie in meinem Heimatdorf Greene! Und genau wie in einem Dorf sind im Erdgeschoss Supermärkte, Ärzte und Friseure untergebracht. Auf den Etagen 1 bis 7 befinden sich Parkdecks. Etage 8 ist für alle Bewohner zugänglich ein kleiner Park mit Spielplatz, drei Pools, Fitnesstudio, Basketballplatz und 4 Badmintonhallen. Darüber beginnen die Wohnetagen. Es emtdpricht sicherlich nicht meiner Wunschvorstellung des Wohnens, aber für Großstadtmenschen scheint mir das eine ideale Lösung; raumtechnisch maximal ausgenutzt und städtebaulich ganz weit im 21. Jahrhundert. Zumal alle Zugangsbeschränkungen, bzw.- berechtigungen elektronisch gelöst sind.

‚Unser‘ Hochhauskomplex mit ‚unserem‘ Pool

In den Straßen

Verkehrstechnisch ist Kuala Lumpur allerdings nicht da, wo man zumindest in Europa im 21. Jahrhundert hin möchte. Diese Stadt ist vollständig auf’s Autofahren ausgelegt! Hier gibt es nur noch ganz wenig Roller, quasi keine Fußwege, aber Straßen in vier Etagen übereinander. Wir haben wenig Städte gesehen, die so absolut überhaupt nicht für Fußgänger gemacht sind wie diese. Dafür gibt es ein öffentliches Busnetz, was zeitgenau per App nachvollziehbar fährt und pro Fahrt unter 50 Cent pro Nase kostet. Wobei wir auch hier sehen, wer es sich leisten kann, fährt mit dem eigenen Verbrenner oder nimmt ein Grab.

Ich bin im Krankenhaus gefragt worden, was mein Eindruck von Malaysia ist und es fiel mir schwer die Frage einfach zu beantworten. Es ist unglaublich vielfältig. Es ist überraschend modern, wobei das, dass es überraschend ist, nur an mir liegt. Ich hatte schon gelesen, dass KL boomt und hier das zweithöchste Gebäude (PNB 118, 679m) der Welt steht und trotzdem habe ich eher an Verhältnisse wie in Vietnam gedacht. Mein Fehler! In den Straßen aller Städte sieht man Gesichtszüge aus allen Erdteilen. Im Stadtbild sind Moscheen genauso präsent wie hinduistische und chinesische Tempel, es gibt Restaurants mit den Küchen aller Herren Länder und es wird ÜBERALL Englisch gesprochen. Fast alles ist auf Englisch ausgeschildert und die Malaysier sprechen auch untereinander im Alltag teilweise Englisch. Wir vermuten, dass das der Einfachheithalber passiert. Da Malaysia seit hunderten Jahren ein Schmelztiegel der Kulturen ist, leben viele Menschen heute noch privat in ihrer Peergroup, in der mehrheitlich ihre Muttersprache gesprochen wird. Im öffentlichen Raum spricht man dann Malaysisch oder eben Englisch. Für uns als Besucher macht es das natürlich wunderbar einfach. Im Erscheinungsbild wird aber sehr schnell deutlich, dass die Mehrheit der Malaysier muslimisch zu sein scheint. Hört man den Muezzin auch nicht von überall rufen so gehen doch geschätzt 3/4 der Frauen mit dem Hijab. Im Gegensatz zur Türkei oder Ägypten tragen hier auch schon ganz kleine Mädchen Kopftücher. Die jüngsten, die wir gesehen haben waren wohl fünf oder sechs Jahre alt.

In punkto Digitalisierung sind uns die Malaysier ein gutes Stück voraus. Nicht nur die erwähnte Bus App in Echtzeit, sondern auch das Bezahlen laufen weitestgehend digital ab. Zwei verschiedene Bezahldienstleisterapps mit denen man Taxis, Essen, Fahrkarten und auch Strafzettel bezahlen kann.

Sightseeing ist in Kuala Lumpur natürlich auch möglich, wobei wir den Eindruck hatten, dass die meisten Touristen eher zum Shoppen in einer der riesigen Shoppingmalls kommen. Wenn man das nicht möchte, gibt es eine kleine Runde, die man durch die alte Kernstadt drehen kann. Sie führt am Central Market, einem Art deco Gebäude, vorbei, das früher wet market war und heute lokale Kunsthandwerker und Souvenierstände beherbergt. Außerdem sieht man einige schöne alte Kolonialbauten, die aus der Zeit des britischen Protektorats stammen und die große Moschee zwischen all den riesigen Hochhäusern. Diese war leider immer dann wenn wir vorbei kamen für die Öffentlichkeit geschlossen.

Der größte chinesische Tempel zu Chinese New Year

Willkommen im Jahr des Drachen!

Altstadt Walk KL

Das Sultan-Abdul-Samad-Gebäude, ein ehemaliges Verwaltungsgebäude des britischen Protektorats am Unabhängigkeitsplatz. Dieser war vor dem 31. August 1957 das Cricket Field des britischen Selangor Club.

Obwohl wir in KL mehr Zeit in unseren vertikalen Stadtvierteln verbracht haben als zwischen den Hochhausschluchten, durfte ein Blick von ganz oben nicht fehlen.

Am und auf dem Fernsehturm von KL

Man weiß, dass man in Malaysia ist wenn die Mitnahme von Durian überall ausdrücklich verboten ist.

Durian ist eine große Frucht an der sich die Geister scheiden. Einige mögen sie gar nicht, andere schwören auf den Geschmack und die teils berauschende Wirkung. Alle können sich darauf einigen, dass sie einen sehr durchdringenden Geruch hat.

Von Kuala Lumpur aus sind wir in die Cameron Highlands gefahren. Plötzöich sieht man grün soweit das Auge reicht. In den Bergen haben bereits die Briten Abkühlung gesucht wenn es in Kuala Lumpur zu heiß wurde. Auch heute noch fahren viele Malaysier aus der Großstadt über das Wochenende hoch hinauf. Auf den ersten Blick erinnert die Stadt an eine leicht heruntergekommene Kurstadt aus unseren 70ziger Jahren. Bei näherem Hinsehen fällt dann auf, dass in den letzten Jahrzehnten tatsächlich nicht mehr viel in das Dorfzentrum investiert wurde. Der Begeisterung der Malayen tut das keinen Abbruch. Sie kommen vor allem zum Erdbeerpflücken. Rund ums Jahr kann man hier in multiplen Erdbeerfarmen selber pflücken und alles rund um’s Erdbeermerchandising kaufen. Wir heben uns das lieber für zu Hause auf und haben stattdessen eine der großen Teeplantagen besichtigt. Neben Erdbeeren wächst hier nämlich auch Tee so weit das Auge reicht. Die Produktion reicht gerade für den einheimischen Markt, aber wir konnten uns vom guten Geschmack nach einer klitzekleinem Fabrikführung selber überzeugen. In den Cameron Highlands sind wir auch das erste Mal mit dem ‚echten‘ Regenwald in Berührung gekommen. Bei Regen und frischen 18° entpuppte sich die Kurparkrunde als echter Dschungelwalk mit steilen Kletterpartien. Damit hatten wir nicht gerechnet, aber da die Malaysier selber gar nicht wandern konnten wir auch keinen fragen. Zur Belohnung gab es vor der Weiterreise am nächsten Tag noch einen traditionellen High tea mit echt malayischer Erdbeermarmelade.

Teeplantagen

In der Teefabrik

Regenwanderung – die Resonanz fällt sehr gemischt aus

Die Belohnung

Im Norden Malaysias liegt an der Ostküste die Insel Penang. Die größte Stadt darauf heißt George Town. George Town liegt an der Straße von Malakka und ist, wie auch Malakka im Süden, von Portugiesen, Holländern, Briten, Indern und Chinesen als Warenumschlagsplatz genutzt worden. Dafür typisch hat sich eine besondere Shophausarchitektur entwickelt, die Geschäft im Erdgeschoss und Wohnbereich im Obergeschoss verbindet. Dabei liegt der Geschäftsbereich immer zurückgesetzt im Schatten um die Waren möglichst vor der Sonne zu schützen und ist das Obergeschoss besonders durchlüftet. Diese besondere Architektur ist deshalb seit 2008 auch UNESCO Welterbe. In der Stadt merkt man an jeder Ecke, dass es vorwärts geht, eine aufstrebende Großstadt, die aber zum Glück noch ein bißchen shabby charm bewahrt hat, nicht ganz ‚durchgestarbuckst‘ ist und im Außenbereich der Altstadt noch indische Garküchen mit Roti Canai für 30cent/ Portion bietet. Indische Garküchen sind auch meine unbedingte Empfehlung für alle, die etwas anderes als ‚Hühnerfrühstück‘ suchen. Denn leider wird auch in Malaysia hauptsächlich Fleisch verzehrt. „Do you have anything without meat?“- “ Yes, no problem, we have chicken Curry!“. Kein Rind ist quasi kein Fleisch….

Schön auch, dass es auch hier ein gutes Busnetz gibt.

Abendstimmung an der Promenade

Was uns trotz 35°C durch (fast) alle Straßen getrieben hat sind die unzähligen Wandbilder, die in den letzten Jahren im Stadtzentrum entstanden sind. Da gerade auch ein großes Kreuzfahrtschiff vor Anker lag, hat man das nächste Bild meist an der Menschentraube davor erkannt. Ich kann den Komfort einer Reise mit so einem großen Schiff ja gut nachvollziehen, aber es muss doch sehr nervig sein, dass immer alle anderen auch gerade da sind. Wir konnten ja zumindest warten bis alle zum Ablegen zurück auf’s Schiff mussten.

Als kleines Extra haben wir hier zum Ende der Festwoche zu Chinese New Year noch einen Umzug mitbekommen

Und direkt daneben die Moschee

Die berühmten Shophouses

Und unsere Jagd auf die schönsten ‚murals‘

Und hinter den Fassaden dann noch die weniger vorzeigbaren Ecken

Leider mussten wir unseren Aufenthalt in Georgetown zugunsten eines erneuten Krankenhausaufenthalts, diesmal in Kuala Lumpur, abbrechen. Zum Glück ist das malaysische Gesundheitssystem qualitativ mit unserem vergleichbar und zum Glück scheint alles nochmal glimpflich ausgegangen zu sein und jetzt sind alle wieder fit.

Den Süden Malaysias mussten wir deshalb auslassen, aber den Regenwald wollten wir uns nicht nehmen lassen.

In Zentralmalaysia gibt es im Taman Negara Nationalpark einen Primärregenwald, der hier seit 150 Millionen Jahren steht. Ausgangspunkt aller Aktivitäten ist das winzige Dorf Kuala Tahan. Eine Kreuzung mit 5 Minimarkets, 10 Hostels und einer Schule mitten im Dschungel. Früher erreichte man es nur über den Fluss. Heute führt eine Straße durch endlose Ölpalmenplantagen hierher. Irgendwo tief im Park gibt es wohl noch malayische Tiger. Weit häufiger sind hier aber Warane, Hirsche, Tspire und Muntiaks. Letztere haben wir trotz anhaltender Abendansitze vom Beobachtungspunkt leider nicht gesehen, aber Warane, Affen und wilde Vögel in Hülle und Fülle. Nicht zu vergessen riesige Zikaden und eine wahnsinnige Vielfalt an bunten Schmetterlingen. Über den höchsten Baumwipfelpfad der Welt ging es durch das Kronendach der Urwaldriesen. Bei 35°C und 100% Luftfeuchtigkeit haben wir schwitzend jeden Pfad, der ohne Guide zu begehen ist, erkundet.

Kuala Tahan

jeden Morgen ging es mit dem Boot über den Fluss in den Nationalpark

Lianen zum Klettern

Am Fluss

Nach so vielen Erlebnissen lassen wir es ganz ruhig angehen

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