Phnom Penh war für uns wohl die größte Überraschung in Südostasien. Wenn wir uns vorher eingehender damit beschäftigt hätten, wäre es wohl nicht so gewesen, aber wir reisen ja recht spontan. Der Vorteil daran ist, dass wir ganz flexibel entscheiden können wonach uns der Sinn steht und wo es uns gefällt. Der große Nachteil ist, dass man, während man die Eindrücke eines Ortes verarbeitet, gleichzeitig Hotel/Fahrten und Besichtigungen für einen anderen organisiert. Gerade weil wir noch gar nicht wussten, wie uns Südostasien gefällt, hatten wir hier relativ viel offen gelassen und nur eine grobe Route geplant. An diese halten wir uns auch immer noch. Wir sind aber schneller unterwegs als wir das ursprünglich mal gedacht hatten. Das liegt nicht so sehr daran, dass es uns nicht gefällt, sondern hat ganz unterschiedliche Gründe. In Nordlaos z.B. war der Transport schwer zu organisieren und verhältnismäßig teuer. Außerdem gab es im Norden keine vorabbuchbare Möglichkeit um mit einem Bus über den Landweg nach Vietnam einzureisen. In Nordvietnam hingegen, in der Gegend um Sapa, die wir gerne gesehen hätten, war es zum Zeitpunkt unserer Reise ziemlich kalt und regnerisch. Bei 7°C und Regen durch Reisterrassen zu wandern, erschien uns nicht so verlockend, zumal wir dafür nicht ausgerüstet sind. Immer wieder ist auch die Abwägung: Wie lange bleiben wir wo? Wenn wir an einem Ort, in einem Land, länger bleiben und ein bißchen mehr als an der Oberfläche kratzen, was lassen wir dann dafür aus? Bewegen wir uns auf den ausgetretenen Touristenpfaden und finden dafür auch einigermaßen einfach Transporte oder wollen wir weiter ab vom Schuss und nehmen dafür mehrfaches Umsteigen und unsichere Anschlüsse in Kauf? Neben den kurzfristigen Buchungen für die jeweils nächste Woche, kam in den letzten Wochen dann auch noch unsere Planung unseres zweiten Halbjahres dazu. Flugverbindungen und -Vergleiche, Camper-und Mietwagenbuchungen waren unübersichtlich, haben teilweise nur ziemlich schleppend funktioniert und manchmal war auch etwas Schützenhilfe via Videocall aus Deutschland notwendig. Ganz schön nervenaufreibend! Nun aber stehen die Eckpunkte und alle Flüge bis nach Hause und die Reiseführer für die ausstehenden Länder sind in der Onleihe vorgemerkt. Wir freuen uns unter anderem noch auf Australien und Japan. Indonesien haben wir, entgegen unserer ursprünglichen Planung für diesmal ausgelassen, da wir komplett im Ramadan gereist wären.
Nun aber erst Kambodscha und seine Hauptstadt Phnom Penh. Und hätten wir uns, wie eingangs erwähnt, vorher ausgiebig mit Phnom Penh beschäftigt, hätte uns die im Dunst auftauchende Skyline der Stadt über dem Mekong wahrscheinlich weniger überrascht.

Wir hatten tatsächlich eher etwas Gemütlicheres wie Vientaine erwartet. Doch schon an der Grenze hätte uns auffallen können, dass die Uhren anders laufen. Die Visagebühr muss nämlich in Landeswährung oder USD bezahlt werden. Dafür mussten wir noch in Vietnam erstmals in die Wechselstube gehen. Zum Glück hat man uns dort Dollar geben können. In Phnom Penh wurde dann auch ziemlich schnell klar, dass es zwar eine Landeswährung (Real) gibt, dass die US-Wähung aber die größere Rolle spielt. Das gilt sicherlich nicht für die Einheimischen am kleinen Straßenstand, aber ansonsten für alle. Wir haben sogar Touristen getroffen, die sagten, sie hätten sich nie Landeswährung besorgt, sondern bezahlten alles in US Dollar. Da die Preise fast überall in US Dollar ausgezeichnet werden rechnen die Händler ständig hin und her. Bezahlt man in Dollar, bekommt man häufig Real als Wechselgeld, manchmal aber auch beides gemischt. Selbst an jedem Geldautomaten kann man beide Währungen abheben. Wir haben festgestellt, dass man aufgrund der ganzen Umrechnerei und vereinfachungshalber die Wechselkurse nicht genau einhält und es für uns günstiger war in Landeswährung zu bezahlen. Wir bildeten da aber eher die Ausnahme.
Phnom Penh liegt am Zusammenfluss des Tonle Sap River und des Mekongs. Ein großer und ein noch größerer Strom. Das besondere am Tonle Sap River ist, dass er je nach Jahreszeit die Flussrichtung ändert. In der Regenzeit (ab Mai/Juni) führt der Mekong durch Niederschläge und die Schneeschmelze im Himalaya besonders viel Wasser und ‚drückt‘ den Tonle Sap River in Richtung des davorliegenden Tonle Sap Sees. In der Trockenzeit (ab November) führt der Mekong deutlich weniger Wasser und die Flussrichtung kehrt sich um.

Mündungsstelle, links Tonle Sap, geradeaus Mekong
Nie hätte ich erwartet, dass Phnom Penh so groß ist. 1,5 Millionen Einwohner, größer als München, und in einem viel schnelleren Aufwärtstrend. Überall wird gebaut, ist eine neue Glassfassade schicker als die andere. Neueröffnete Sushirestaurants mit Startangeboten von 99$ pro Person, vollverglaste Fitnesscenter, Straßenecken mit Werbe LED Schirmen in einer Größe auf die jedes deutsche Fußballstadion neidisch wäre und VIP Clubs mit reichlich Limousinen und Chauffeuren davor haben wir gesehen. Von einer Mitarbeiterin des UN-Kriegsverbrechertribunals haben wir erfahren, dass Botschaftsmitarbeiter und andere Expads im Zentrum der Stadt in einer eigenen Blase leben. In dieser Welt sind viersprachige internationale Schulen und gestellte Mieten bis zu 4000$ im Monat ’normal‘.





Gleichzeitig haben wir von einem kambodschanischen Informatiker erfahren, der gerade seine erste Stelle antritt und dafür 300$ im Monat verdienen wird. Sein Vater konnte uns auch nicht sagen, wie man davon in Phnom Penh leben kann….der Chef unser Hostelbar in Siemp Reap verdient 180$/Monat bei 6 Arbeitstagen à ca. 10 Stunden pro Woche. Seine Familie lebt 400km weit entfernt und er kann es sich 2x im Jahr leisten zu ihnen nach Hause zu fahren. Von den Tuk Tuk Fahrern in Phnom Penh ‚leben‘ einige in ihren Tuk Tuks und fahren 1x in der Woche zum Waschen und Duschen nach Hause.
Nirgendwo habe ich die Schere zwischen Arm und Reich so groß und offensichtlich gesehen wie in Kambodscha.

Phnom Penh in a nutshell- Westler Wohnblock hinten mit Garküche/Wohnhaus für Einheimische vorne

Kleiner Schrein im Einheimischenviertel

Die meisten Touristen sind nur kurz in der Stadt. Einiges gibt es aber auch hier zu besichtigen, Schönes und weniger Schönes.
Zunächst haben wir uns aber alle gemeinsam das schöne Nationalmuseum angeschaut, in dem man neben willkommener Abkühlung auch Einblick in das Khmerreich bekommt. Die Khmer sind auch heute noch die am meisten verbreitete Ethnie in Kambodscha und sind. Anders als Viet und Thai sind sie bereits sehr viel früher aus Zentralasien eingewandert. Deshalb unterscheiden sich ihre Gesichtszüge und die Hautfarbe, auch für uns unterscheidbar, von den Menschen der Nachbarländer. Vom 10.-14. Jahrhundert herrschten die Khmer aus Angkor über große Teile Indochinas. Was letztlich zum Niedergang des Khmer Reichs geführt hat ist bis heute unbekannt.

Hinterlassen haben sie, neben den großartigen Tempeln in Angkor, viele Statuen aus hinduistischen, buddhistischen und brahamanistischen Tempeln. Die sieht man in dem architektonisch wirklich schönen Museum.




Architektonisch besonders ist auch die Markthalle, die früher einmal den zentralen Markt beherbergt hat. Heute ist es ein Markt für Nippes, Kleidung und reichlich elektronische Fake-Produkte. Hingehen und anschauen reicht aus.


Neben dem Königspalast gibt es einige weitere schöne Tempel und endlich auch wieder buddhistische Mönche im Stadtbild zu sehen.






zu den dunklen Seiten der Geschichte gehört in Phnom Penh und ganz Kambodscha die Schreckensherrschaft der Khmer Rouge/rote Khmer. Meistens versteht man darunter den militärischen Arm der kommunistischen Partei Kambodschas, wobei diese Definition sehr umstritten ist. Insgesamt gab es bis zu 15 Flügel der roten Khmer, die sich, teils von China, teils von Nord-Vietnam oder Thailand unterstützt auch gegenseitig bekämpften. Unter Führung von Pol Pott regierten sie von 1975-1979 das ganze Land und versuchten einen Agrarkommunismus zu errichten. Hierbei wurden im Gegensatz zum Arbeiter-und Bauernstaat DDR, nur Bauern als ideale Staatsbürger betrachtet. Das hatte die gewaltsame Vertreibung fast aller Bewohner Phnom Penhs und anderer großer Städte zur Folge. Bis 1979 starben in diesem Genozid fast 2 Millionen (knapp 30% der damaligen Bevölkerung) Kambodschaner. Einzigartig an diesem Genozid ist, dass er sich nicht gegen Minderheiten, sondern gegen vermeintlich anders denkende Menschen der eigenen Bevölkerung richtete. 1979 stürzte die vietnamesische Armee Pol Pots Khmer, trieb sie als Guerillabewegung in den Untergrund und setze eine Regierung der nun bestehenden Volksrepublik Kampucha ein. Da Vietnams großer lokaler Gegenspieler Thailand weiterhin die gestürzte Regierung unterstützte und sie, ebenso wie der Westen, der dem kommunistischen Block diesen Sieg nicht zubilligte, mit Waffen versorgte, ging der Bürgerkrieg bis zum Tod Pol Pots 1999 weiter. Seit 2007 gibt es Kreigsverbrecherprozesse zur Aufarbeitung der Kriegsverbrechen. Der Weg zu Aufarbeitung und Wissensvermittlung in der sehr jungen Bevölkerung sei aber noch sehr weit.
Besichtigt haben wir Erwachsenen das Foltergefängnis 21 der roten Khmer im Zentrum von Phnom Penh. Es ist eher mit den Foltergefängnissen der SA als mit dem Besuch eines KZs zu vergleichen. Die Intention war klar, niemand, der hier inhaftiert wurde, sollte es lebend verlassen. Wer nicht durch Folter starb, wurde auf den Killing fields vor der Stadt hingerichtet. Sieben von ca. 30.000 Gefangenen ist ein Überleben gelungen. Um mich emotional irgendwie von diesem unbegreiflichen Beispiel menschlicher Grausamkeit distanzieren zu können, habe ich beim Besuch auf den genauer beschreibenden Audioguide verzichtet. Allein das Anschauen und Lesen hat für nachhaltige Gedanken gesorgt.





