Um nach Hanoi zu gelangen haben wir uns in Luang Prabang wiederum in einen Sleeper-Bus gesetzt. Nachdem wir zwei Tage in Unsicherheit bezüglich unserer Einreise nach Vietnam über eine Landgrenze waren, löste sich diese Sorge nach einem Besuch des vietnamesischen Konsulats in Luang Prabang und Rüdigers Telefonat mit der Botschaft in Berlin in Wohlgefallen auf. Als Deutsche dürfen wir seit Herbst letzten Jahres über jede internationale Grenze visafrei nach Vietnam einreisen. Spätestens in der Schlange vor dem Konsulat, den Sorgen der anderen und unserem einfachen Stempel ist mir wieder bewusst geworden welch ein riesiges Privileg dieser deutsche Reisepass ist!
Da nun der Einreise auf dem Landweg nichts mehr entgegen stand, konnten wir unseren Bus buchen. Flüge gibt es auch, aber erstens ist der Bus UNSCHLAGBAR viel günstiger und umweltfreundlicher und zweitens wollten wir gerne noch etwas mehr vom ‚echten‘ Laos ohne Touristen sehen- wenigstens aus dem Fenster. Vieles gesehen haben wir und die Einreise war wirklich easy peasy, aber nach 29 Stunden im Bus würde ich jedem den Tipp geben die Flugscham für diese Strecke tief im Gepäck zu verstauen. Das machen wir nicht noch einmal!



Unsere Reisegesellschaft
Wir hatten zumindest jeder einen eigenen Liegeplatz gebucht….wobei ich um den Kreislauf irgendwie in Gang zu bekommen zuletzt auch lieber im Gang gesessen habe.
Zu Fuß geht es über die Grenze. Der Bus wird extra abgefertigt


Hanoi, Vietnams Hauptstadt begrüßte uns mit Regen und ‚frischen‘ 20°C. Am ersten Tag haben wir uns noch über das für uns mittlerweile ungewohnte Nass von oben gefreut…
Hanoi ist groß, im Zentrum aber wirklich gut zu Fuß zu entdecken – zumindest was die Entfernungen betrifft. Die Fußgängerfreundlichkeit geht asymptotisch gegen Null. In Kairo oder Kathmandu gab es keine Bürgersteig, alle Verkehrsteilnehmer teilen sich den vorhandenen Platz und gucken dass alle lebendig im Fluss bleiben. In Hanoi gibt es theoretisch Bürgersteige. Diese sind in 98% der Fälle als Fußgänger aber nicht benutzbar, weil entweder die komplette Plastikbestuhlung einer Garküche in Kindergartengröße, inklusive Theke, Abwaschplatz mit großen Waschwannen und Küche mit Ausnehmblock in der Nähe der Gosse diesen Platz einnimmt oder alles mit Rollern zugeparkt ist. Dort wo keine Leute sitzen oder Roller parken, fahren Roller, denn schließlich ist es auf der Straße so voll, dass es für einen kleinen Motorroller da auch schon mal eng werden kann. Möchte man eine größere Straße überqueren, darf man nicht auf den Moment warten in dem gerade kein Auto kommt. Den gibt es nicht. Denn schließlich sind auch Ampeln…ja, für wen sind die eigentlich da? Möchte man die Straße also überqueren, wartet man LKWs oder Busse ab (die sind immer stärker) und geht dann, am besten möglichst kompakt zusammenbleibend, einfach los. Bleibt man zügig in Bewegung, teilt sich die Roller- und Kleinwagenmenge vor und hinter einem wie das Wasser im Fluss und man wird fließend umkurvt. Zum Glück sind wir jetzt schon „wild-ost-verkehrserprobt“. Käme man direkt aus der norddeutschen Kleinstadt in diese Fußgängerwelt, man würde wohl nach einem halben Tag völlig ausgelaugt in der Hotellobby sitzen und ab dem Tag immer die Fahrradrikscha rufen. Aber die Kinder haben selber bereits festgestellt, wie wenig hupende Roller oder Autos sie noch stressen, also konnten wir gut zu Fuß auf Entdeckungsreise gehen. Und zu entdecken gibt es viel: Garküchen, Vögel, Schuhputzer, Brillenschleifer, Obsthändler, Fahrradwerkstätten, Stempelschnitzer, Teegesellschaften…Wir hatten den Eindruck, alles findet draußen auf der Straße statt.










Zunächst haben wir den Park um den Präsidentenpalast und den ehemaligen Wohnsitz von Ho Chi Minh besichtigt. Der Präsidentenpalast wurde ursprünglich als Wohn- und Verwaltungssitz des Generalgouverneurs von französisch Indochina erbaut. Hier, wie an vielen Orten in Hanoi, sieht man die kolonialen Bauten in dunklem Gelb und Gründerzeitarchitektur. Leider sieht man an nahezu allen Gebäuden auch, dass das feucht warme tropische Klima die Bausubstanz schwer schädigt und dass wenig Geld für die Instandhaltung vorhanden ist. Überall blühen Moose und Schimmel und wachsen Pflanzen an und aus der Fassade.






Sowohl an Ho Chi Minhs Wohnsitz, als auch später im Hauptquatier des militärischen Generalstabs, war es spannend die Räumlichkeiten, in denen sich das vietnamesische Politbüro und die militärische Führung zu Zeiten des Vietnamkriegs traf in echt zu sehen.
In den dazugehörigen Ausstellungen sah man dann Fotografien aus damaligen Zeitungen, die Ho Chi Minh mit hochrangigen Staatsgästen u.a. auch aus der DDR in eben diesen Räumlichkeiten zeigen. Insgesamt ist es spannend in einem kommunistischen Land eine kleine Ahnung davon zu bekommen wie unser Alltag in Deutschland womöglich aussehen würde, wenn statt der BRD die DDR und all ihre Ideologie federführend in unserem heutigen Deutschland wären.


Überall in der Stadt sieht man Propagandaplakate in einer Bildsprache, die bei uns mit der Wiedervereinigung verschwunden ist.




Auf die Spitze getrieben (für unser Empfinden) wird der praktizierte Personenkult um Ho Chi Minh in seinem Mausoleum. Gegenüber des Parlaments (in einem Einparteiensystem) liegt eine riesige Freifläche, die nur von den Stirnseiten über eine Sicherheitsschleuse zu betreten ist. Zentral steht ein kubischer Bau in dem der Leichnam Ho Chi Minhs nach seiner Einbalsamierung aufgebahrt wird und wartet auf Besucher. Wenn man unserem Reiseführer glauben schenken möchte, dann gegen seinen ausdrücklichen Willen. An drei Tagen in der Woche kann man, sofern man ordentlich und sauber gekleidet ist, in 20er Gruppen in Zweierreihen am Leichnam vorbeidefilieren. Sprechen, stehenbleiben oder gar fotografieren sind strengstens verboten.


Ein zentraler Punkt in Hanoi ist sowohl für Einheimische, als auch für Touristen der Hoan-Kiem See. In seinem Zentrum befindet sich der Schildkrötentempel. Einer Legende nach hat hier der arme Fischer Le Loi im 15.Jahrhundert ein großes Schwert von einer goldenen Schildkröte bekommen. Er habe so die chinesischen Besatzer vertreiben und selber König von Vietnam werden können. Nach seinem Sieg forderte die goldene Schildkröte das Schwert zurück. Es soll sich daraufhin in einen goldenen Drachen verwandelt haben, der zu der Schildkröte in den See gesprungen ist. Seit dem steht der Schildkrötenturm als Wahrzeichen im See.

Tatsächlich hat bis vor einigen Jahren noch zwei Exemplare der Jangtse Schildkröte, einer riesigen Lederschildkrötenart, im See gelebt. Nach ihrem Tod sind sie plastiniert worden und sind nun in einem Tempel am Ufer des Sees zu besichtigen. Weltweit gibt es nur noch zwei lebende Exemplare in chinesischen Zoos.





Ebenfalls am Ufer des Sees ist uns etwas aufgefallen, das wir seitdem an allen besonderen oder besonders hübschen Orten in Vietnam gesehen haben. Es scheint unter jungen Vietnamesinnen sehr beliebt zu sein sich in einem historischen Kostüm oder traditionellen Kleid, fein geschminkt und frisiert, mit Blumen im Arm professionell fotografieren zu lassen. Sie sind wirklich überall!




Am Abend glitzert Hanoi am See auch besonders schön.




Ebenfalls am See ist eines von zwei Wasserpuppentheatern. Das Wasserpuppentheater ist ein aus Nordvietnam stammendes, traditionelles Marionettentheater, bei dem sowohl die Puppenspieler, als auch die Puppen im Wasser spielen. Heute findet es in einem eigens gebauten Theater mit Pool statt. Im Original standen die Schauspieler in einem überfluteten Reisfeld. Neben der Bühne spielte,heute wie damals, ein kleines Orchester mit traditionellen Instrumenten. Auch wenn wir von den vietnamesischen Texten nichts verstanden haben, lohnt es sich dennoch dorthin zu gehen. Die Kinder waren ganz gespannt und wir haben alle gelacht.






Weitere Sehenswürdigkeiten, die man in Hanoi erlaufen kann:
Einsäulenpagode

Die Tran Quoc Pagode und der dazugehörige Tempel im West Lake



Die Zitadelle, die seit mehr als 1000 Jahren über wechslende Herrscher der Standort des Regierungsgeschehen war




Die St.Josephs Karhedrale, die meist leider nur von außen besichtigt werden kann.

Für uns ganz besonders eindrucksvoll war auch der Besuch des Hoa Lo Prison, ein Gefängnis, das von den französischen Kolonialherren zentral in Indochina zur Inhaftierung kommunistischer Häftlinge zu Beginn des 20.Jahrhunderts erbaut wurde. Nach der Unabhängigkeitserklärung 1954 wurde das Gefängnis dann vom vietnamesischen Staat übernommen und im Vietnamkrieg zur Internierung amerikanischer Piloten weiter genutzt. Die Ausstellung ist modern und eindrucksvoll gestaltet und thematisiert trotz des merklichen Gewichts auf dem Leid kommunistischer Gefangener auch die Geschichte der amerikanischen GIs.





etwas außerhalb des ausgetretenen Touristenpfades liegt das ethnographische Museum über die 54 verschiedenen Ethnien des Landes, ihre Lebensweise, Sitten und Gebräuche. Es ist sehr informativ und eine Empfehlung für alle, die gerne ins Freilichtmuseum gehen. Uns hat es sehr gut gefallen.






Etwas, das in jedem Reiseblog in Hanoi fast an erster Stelle steht ist die Train Street. Hier fährt der Zug in der Nähe des Hauptbahnhofs durch die engen Straßen und letztlich ist nur eine Zugbreite Platz zwischen den Häusern. In diesen Häusern gibt es reichlich Restaurants und Cafés. Bis vor einigen Jahren durfte man zu allen Zeiten an denen kein Zug fährt, über die Gleise spazieren, auf ihnen sitzen und nur dann, wenn der Zug kommt schnell zur Seite springen. Das ist verboten worden und die Straße mit den Gleisen wurden für den Durchgang gesperrt. Polizisten bewachen die Eingänge und verscheuchen Schaulustige. Da den Restaurantbetreibern damit ein Geschäft entgeht, gilt, dass sie Touristen gegen ein Entgelt in ihr Geschäft begleiten dürfen. Und so ‚lauern‘ sie jetzt an den Absperrungen auf die Besucher und hoffen sie in ihr Café locken zu können. Eine ziemliche Touristenfalle! Besonders albern wird das Ganze dadurch, dass nur der eigentlich gehypte Straßenabschnitt gesperrt ist. In den Straßenzügen davor und dahinter, durch die der Zug ebenfalls fährt und die vielleicht 50cm breiter sind, kann man weiter spazieren bis der Zug kommt. Das haben wir dann auch einfach gemacht.
Das ‚Original‘ über die Absperrung fotografiert

Und dort, wo wir gelaufen sind





Aber eigentlich ist das Highlight von Hanoi keine Sehenswürdigkeit. Für mich ist es das Leben in den Straßen. Es gibt so viel zu sehen und zu entdecken! Ständig läuft man fast gegen den nächsten Pfosten, weil man gerade noch damit beschäftigt ist die Besonderheit an der letzten Ecke anzuschauen.

















Sehr interessanter Bericht. Ihr erlebt Vietnam hautnah.