Nachdem wir die georgisch-türkische Grenze vor einigen Tagen in rekordverdächtigen 55min überquert hatten, lagen auf dem Weg zu unserem nächsten Ziel viele Kilometer Straße vor uns. Wir hatten uns diesmal bewusst für den zweiten Grenzübergang, abseits des schwarzen Meeres entschieden. Wir hofften auf eine abwechslungsreiche Strecke und wurden belohnt. Was wir nicht erwartet, oder einfach auch nicht nachgeschaut hatten war, dass uns der Weg in Ostanatolien erstmal reichlich bergauf führen würde. Drei Pässe, mit gut über 2000m ü.n.N. verlangten unserem Auto reichlich Sprit und uns Geduld ab. Und so wie unsere Fahrtrichtung das erste Mal richtig gen Westen drehte, erinnerte auch die Landschaft an den „wilden Westen“ des amerikanischen Kontinents: Große Weite, breite Straßen, hohe Berge und ganz viel trockenes Land. Sogar die Felsen der „painted desert“ haben wir „wiedergefunden“. Die Bebauung sieht allerdings ganz anders aus. Anders als im echten wilden Westen gibt es hier auch noch häufig Kühe mit begleitenden Hirten zu Pferde zu sehen. Nach zuletzt eher schlechten Straßen in Georgien haben wir uns jedenfalls sehr über die wirklich guten und neuen Überlandstraßen in Ostanatolien gefreut. Nicht wenige deutsche Städte würden sich über so schöne Straßen freuen. Man sieht in allen Winkeln des Landes dass Infrastrukturprojekte in den letzten Jahren ein vorrangiges politisches Anliegen gewesen sein müssen. Ob das nun vorrangig dazu diente Menschen in Lohn und Brot zu bringen, um manche Regionen nicht völlig abzuhängen oder um den Menschen einen sichtbaren Beweis guter Politik zu liefern….Wir wissen es nicht.









Drei Tage haben wir für die fast 1200km gebraucht. Zwischendurch mussten wir natürlich unsere Camperinfrastruktur (Gasflasche, SIM Karte, Vignette) wieder auf die Türkei umstellen, bzw.aufladen. Da wir mittlerweile aber wissen wie so manches läuft, ging es diesmal recht problemlos. Immer begleitete uns die große, bergige, trockene Weite Ost- und Zentralanatoliens in 50 Schattierungen von Braun.
Mit Kappadokien ging es mir nun so wie schon früher in Mostar: Erzähle ich zu Hause, dass ich dorthin möchte liegen die Reaktionen irgendwo zwischen „Kappa-was?“und „und warum denn das?!“. In einschlägigen Travellerblogs findet man dann schon zahlreiche Fotos, aber irgendwie war meine leise Hoffnung doch, das ganze mit Platz und 100 gleichgesinnten Rucksackreisenden/Wanderern zu bewundern. In Göreme, dem Hauptort des Nationalparks Kappadokien angekommen dann die Erkenntnis: Ganz Asien ist in Reisebusportionsgröße schon vor mir da gewesen! Hinzu kommen Flugzeugladungen voll Franzosen, Russen, Engländern und auch Deutschen. Die Einheimischen sind unheimlich findige Geschäftsleute und machen aus allen denklichen und bisher undenklichen Bedürfnissen ein Geschäft. Daraus resultiert, dass im Ort in den Häusern ein Souvenirshop, auf ein Restaurant/Hotel und eine Touragentur folgt und dann wieder von vorne. An Touren werden alle denkbaren fahr- und reitbaren Untersätze stundenweise zur Miete mit Sonnenaufgangstour, sowie Fotoshootings mit geliehenen Ballkleidern, Cadillacs, Pferden, Hebebühnen und ganzen Heiratsantragskulissen geboten. UND zu allererst natürlich Ballonfahrten. Dafür ist Kappadokien berühmt. Jeden Morgen starten 60-100 Ballons zu Fahrten über den Ort. Warum das Ganze: Weil es so schön ist!
Der Schönheit liegt ein Ausbruch der Vulkane Hasan Daği und Ericyes Daği, beide ca. 3500m hoch, vor vielen Millionen Jahren zugrunde. Sie bedeckten die Erde hier mit einer Schicht aus Basalt, Asche und Sand. Daraus entstand leichter Tuffstein. Dieser wurde von einer härteren Deckschicht bedeckt. Im Laufe der Jahrtausende eroberten Wind und Wasser zunächst die Deckschicht und dann, schneller, den darunter liegenden Tuffstein. So entstanden die typischen Pfeiler mit eine Zipfelmütze aus Deckgestein. Der Legende nach werden sie von Feen bewohnt und heißen deshalb Feenkamine.









Auch beim Wandern und Klettern merkt man, dass Tuffstein sehr weich ist und ist, sobald man draußen ist, ständig von einer feinen weißen Staubschicht bedeckt.


Woran merkt man, dass man in Kappadokien ist? – Man macht jeden Tag erneut 100 Ballonfotos, einfach weil es so schön ist.
Die Ballons können nur bei Sonnenaufgang starten. Deshalb beginnen die Tage in Göreme früh. Wir hatten einen wunderbaren Campingplatz auf einer der Klippen oberhalb des Ortes und wurden morgens um halb sechs vom Lärm unzähliger Gebläse geweckt, die die Ballons füllen. Um kurz vor 6.00 beginnen dann die Brenner die Luft zu erwärmen und um 6.10 steigen, noch im dunklen Tal vom Feuer der Brenner erleuchtet, die ersten Ballons in den Himmel. Wenn die Sonne um 6.30 aufgeht sind fast alle in der Luft und unzählige Begeisterte stehen auf allen Klippen rings um den Ort, mit verschlafenen Gesichtern, leuchtenden Augen und Kaffee und Fotoapparat in der Hand.






Die Ballonfahrer in Göreme gehören sicher zu den Erfahrensten ihrer Zunft und so sind sie unter anderem bekannt für „konturnahes Fahren“. Das bedeutet, dass sie mit Ballon und Gondel bewusst tief in die einschneidenden Täler absteigen und sie, entlang von Klippen und Bäumen, teils drehend umfahren. Dies führt zu Schreckensschreien der nichtsahnenden Insassen und Freude der Zuschauer, die plötzlich von oben in die Gondel gucken.













Außer als im Jahr 2023 als wunderschöne Ballonkulisse zu dienen, haben die Tuffsteine in der Region seit über 2000 Jahren eine Bedeutung als Wohnraum und Rückzugsort. Vieles ist dazu noch nicht erforscht und vieles nicht entdeckt. Man geht davon aus, dass in der Bronzezeit erstmalig Menschen Höhlen als Wohnungen in den weichen Stein gehauen haben. Diese wurden über die Jahrhunderte immer weiter ausgebaut bis ganze unterirdische Städte entstanden, die, bis zu 15 Etagen tief, dem ganzen Dorf über mehrere Monate Schutz vor Angreifern gaben. Bis heute wurden ca. 500 solcher Städte meist zufällig entdeckt. Einige von ihnen kann man heute besichtigen und sich in teils klaustrophobisch engen Gängen wie ein Maulwurf in einem unterirdischen Höhlen-und Gängesystem bewegen. Es gibt Verschlussmechanismen mit Rollsteinen, die im Inneren in verschiedenen Ebenen vor die Zugänge gerollt und nur von Innen wieder geöffnet werden können. Über ausgeklügelte Belüftungsschächte hatte man bis in die unteren Etagen Frischluft. Erst in den 50ziger und 60ziger Jahren des 20. Jahrhunderts sind nach einem schweren Erdbeben mit vielen Zerstörungen die letzten Dörfer aus den Tuffsteinhöhlen in moderne Siedlungen umgesiedelt worden.
Seit dem 11. und 12. Jahrhundert wurde die Gegend mehrheitlich von Griechen besiedelt, die neben den Wohnungen auch mehr als 300 Kirchen und Klöster aus dem Fels herausgehauen haben. In einigen sieht man noch heute die teils aufwändigen Fresken. Die größten sind Teil des Freilichtmuseums in Göreme, aber auch beim Wandern durch die Täler um Göreme und teils weiter entfernt, völlig unbeachtet von den Touristenströmen, konnten wir ganz eindrucksvolle Bauwerke erklettern. Wir alle bevorzugten es hochzuklettern statt die Untergrundstädten zu erforschen.
In der underground city von Özkonak zunächst in den oberirdischen, weil eingestürzten Teilen






und dann unterirdisch:











Auf der Burganlage von Uçhisar
In den Felswohnungen und -kirchen um Göreme














Und schließlich das eindrucksvoll große Kloster Gümüşler mit dem fast 1000 Jahre alten Fresko der einzig lächelnden Maria







Auf den Bericht habe ich schon gewartet! 🙂 Traumbilder! Der Georgien-Bericht hat uns immerhin inspiriert, georgisch essen zu gehen. So lecker! Seid lieb gegrüßt!